Die Europäische Kommission stellt fest, dass der Menschenhandel sich "negativ auf den Einzelnen, die Gesellschaft und die Wirtschaft auswirkt", "eine schwerwiegende Grundrechtsverletzung" darstellt und "in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union explizit verboten" ist [1].

Das INTAP-Projekt ist ein von der Europäischen Kommission kofinanziertes Forschungsprojekt mit intersektionellem Ansatz für den Integrationsprozess in Europa für Betroffene des Menschenhandels (SoT). Das Projekt wurde durchgeführt, um den Integrationsprozess nigerianischer und chinesischer SoTs zu untersuchen und die zentrale Frage zu beantworten, wie die Chancen und Hindernisse für den Integrationsprozess in Europa für nigerianische und chinesische Betroffene von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung gestärkt und überwunden werden können. Es zielte darauf ab, dauerhafte Lösungen für die Integration dieser Betroffenen zu finden, indem die derzeitigen Integrationssysteme für SoT durch die Einbeziehung eines kultursensibel, opferzentrierten, intersektionellen Ansatzes im Einklang mit der EU-Richtlinie zum Menschenhandel (Richtlinie 2011/36/EU) wirksamer gestaltet werden. Anstatt neue Integrationsprogramme zu schaffen, zielte INTAP darauf ab, bewährte Praktiken/ Best Practices aufzuzeigen.

Das Ergebnis sind zwei separate Berichte sowie zwei Handbücher mit Empfehlungen für die praktische Arbeit mit beiden Betroffenengruppen.

[1] Europäische Kommission. 2016. “Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat - Bericht über die Fortschritte bei der Bekämpfung des Menschenhandels (2016).” COM(2016) 267 Final. Brussles.

Nigerianische Betroffene

Forschungsbericht

Die qualitative Studie wurde mit 35 nigerianischen Betroffenen, 18 ExpertInnen und 2 Fokusgruppen durchgeführt. Die Daten wurden durch ein halb-strukturiertes qualitatives Interview mit Fragen zu verschiedenen Aspekten der Integration gesammelt und mit der Software MAXQDA transkribiert und nach Mayring analysiert.

Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie sind die Rolle einer Vertrauensperson als größte Chance und die Rolle der Angst als größtes Hindernis für die Integration der SoT. Weitere Implikationen sind der Bedarf an mehr staatlicher Finanzierung für geschlechtsspezifische und mutter- und kinderfreundliche, sichere Unterkünfte sowie auf Betroffene spezialisierte SozialarbeiterInnen und NGOs. Die Asylpolitik muss angepasst werden, um von der Abschiebung von SoT abzusehen. Parallel dazu sollten die EU-Mitgliedstaaten mehr Mittel für Antirassismus- und andere sozialpolitische Projekte freigeben, um Flüchtlingsfeindlichkeit in der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Als kurze Übersicht zum Inhalt des Berichts:

Kapitel 2 gibt den Kontext der Studie wieder und stellt den Stand der Forschung dar. LeserInnen, die sich für den methodischen Ansatz interessieren, können zu Kapitel 3 gehen. Leserinnen und Leser, die sich am meisten für bestimmte Themen innerhalb der Integration interessieren (z.B. Gesundheitssystem, Wohnen usw.), können dies in Kapitel 4 mit den spezifischen Code-Zusammenfassungen nachlesen. PraktikerInnen (z.B. SozialarbeiterInnen, Freiwillige usw.), deren Schwerpunkt auf den praktischen Auswirkungen liegt, können direkt zu Kapitel 5.2 und 5.3 übergehen.

 


Handbuch

Dieses Handbuch gibt sowohl nigerianischen SoT als auch ExpertInnen eine Stimme, da sie auf der Grundlage ihrer Erfahrungen Empfehlungen aussprechen und Anregungen geben wie aufgrund der spezifischen Bedürfnissen jeder einzelnen SoT maßgeschneiderte Hilfe angeboten werden kann. Obwohl sich dieses Handbuch auf das Falllbeispiel nigerianischer SoT konzentriert, können die bewährten Praktiken in Verbindung mit bereits bestehenden Integrationsprogrammen genutzt werden. Dieses Handbuch zeigt Instrumente auf, wie ein kultursensibler (auch spirituellsensibler) und geschlechtsspezifischer intersektioneller Ansatz für die Integration nigerianischer SoT auf eine opferzentrierte Weise angeboten werden kann. Dieses Handbuchs soll daher drei Zwecken dienen:

  1. Als praktischer Leitfaden zur Verbesserung der Fähigkeiten von PraktikerInnen (insbesondere SozialarbeiterInnen) bei der Integrationsarbeit mit nigerianischen SOT.
  2. Als Ressource für staatliche, nichtstaatliche und zwischenstaatliche Organisationen zur Anpassung und Unterstützung bestehender oder zur Konzeptionierung neuer, wirksamerer psychosozialer Integrationsprogramme.
  3. Als Instrument für andere LeserInnen, die an den Ergebnissen des Projekts interessiert sind - etwa EhrenamtlerInnen, WissenschaflerInnen oder der breiten Öffentlichkeit -, um ihr Wissen zum Thema Menschenhandel und einen geschlechtsspezifischen, kultursensiblen und opferzentrierten intersektionellen Integrationsansatz zu fördern.

Da Menschenhandel weltweit stattfindet und Flüchtlingsbewegungen ein internationales Anliegen sind, kann dieses Handbuch auch von PraktikerInnen außerhalb der EU, die mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind, als Lernquelle für theoretische und praktische Hintergrundinformationen genutzt werden. Wir hoffen, dass dieses Handbuch Ihnen ein besseres Verständnis über die Integrationsherausforderungen nigerianischer SoT vermittelt und Ihnen dabei hilft, neue Fähigkeiten und Anreize zur Unterstützung dieser Frauen zu entwickeln.

Als kurze Übersicht zum Inhalt des Handbuchs:

Nach einer kurzen Beschreibung des Ziels dieses Handbuchs in diesem Unterkapitel und einigen Fakten zum nigerianischen Menschenhandel in Kapitel 2, wird in Kapitel 3 die Bedeutung einer Vertrauensperson für den Integrationsprozess nigerianischer SoT erläutert. Kapitel 4 zeigt auf, welche Kompetenzen eine Vertrauensperson benötigt, um die Integration nigerianischer SoT erfolgreich zu unterstützen. Kapitel 5 beschreibt die wichtigsten Schnittpunkte, die für die Integration nigerianischer SoT in die EU-Aufnahmegesellschaften relevant sind. Dieses Kapitel enthält mehrere Themenseiten, in denen die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsberichtes erörtert sowie bewährte Praktiken und Handlungsvorschläge skizziert werden. Kapitel 6 fasst die wichtigsten Empfehlungen zusammen, die aus den Ergebnissen des INTAP-Projekts abgeleitet wurden.


 

Chinesische Betroffene

Studie mit Forschungsbericht

Laut der Datenerhebung zum Menschenhandel in der EU (Europäische Kommission 2018) stellten chinesische Frauen und Mädchen zwischen 2010 und 2016 die drittgrößte Gruppe der registrierten Drittstaatsangehörigen dar, die in der EU Opfer von Menschenhandel wurden. Der Menschenhandel aus Ostasien betraf traditionell vor allem thailändische Frauen, aber plötzlich waren immer mehr chinesische Staatsangehörige betroffen, die vor allem in der Indoor-Prostitution, wie in Massagesalons, Saunen oder Schönheitszentren, ausgebeutet werden (UNODC 2010). Noch immer gibt es nur sehr wenig Forschung über chinesische Betroffene von Menschenhandel in Europa und es muss noch viel mehr über ihre spezifischen Umstände herausgefunden werden.

Der Forschungsbericht zielt genau darauf ab: Erstens, mehr Informationen darüber zu liefern, wie der Menschenhandel mit chinesischen Frauen nach Europa tatsächlich funktioniert und was die besonderen Herausforderungen für die Betroffenen sind. Zweitens soll herausgefunden werden, wie ihr Integrationsprozess in die europäische Gesellschaft des Gastlandes am besten erleichtert werden kann.

Ausgehend von einer umfangreichen Literaturrecherche konzentriert sich die Forschung einerseits auf qualitative Interviews mit chinesischen Betroffenen des Menschenhandels (SoTs) und andererseits auf ExpertInneninterviews mit relevanten Behörden, spezialisierten NGOs und chinesischen Kultur- und SprachexpertInnen.

Abgesehen von Aspekten wie Sprache, Zugang zum Arbeitsmarkt, Aufenthaltsfragen oder der chinesischen Gemeinschaft erwiesen sich zwei besonders prominente Elemente dieser Forschung als herausragend: Der positive Einfluss einer so genannten Vertrauensperson und der negative Einfluss von Angst und Scham - letzteres als intrinsisches Element der chinesischen Kultur.

 


Handbuch für chinesische Betroffene folgt bis Ende November 2020


 

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