Überlebende aus Nigeria

Der Handel und die Ausbeutung nigerianischer Frauen im Rahmen der illegalen Migration in die EU ist nach wie vor relativ ungebrochen und hat verheerende Auswirkungen auf die Überlebenden. Die überwiegende Mehrheit der nigerianischen Frauen in der Prostitution in z.B. Italien, gilt als Opfer von Menschenhandel (IOM, 2006)[1]. Auch der aktuellste TIP Bericht des U.S. Department of State zeigt, wie groß das Phänomen des nigerianischen Menschenhandels ist. Überlebende wurden in 34 Länder in 4 verschiedenen Regionen der Welt identifiziert[2].

Ein ehemaliger nigerianischer ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen (Martin Uhomoibhi) erklärte, dass allein 2016 602.000 Nigerianer/innen versuchten, durch die Sahara nach Europa zu wandern. 27.000 starben während der Reise.[3] Obwohl europäische Schätzungen derjenigen, die 2016 tatsächlich in die EU kamen, viel niedriger sind, zeigt die Erklärung von Herr Uhomoibhi, dass das Problem weit verbreitet ist und wie einflussreich das migratorische Interesse am Prozess der Ausbeutung ist.

Viele dieser Frauen, die sich schließlich in der Zwangsprostitution innerhalb der EU befinden, begannen ihre Reise, indem sie einen Auswanderungspakt mit einer Sponsorin (oft als Madame bezeichnet) schlossen, an die sie sich selbst zur Rückzahlung der aufkommenden Schulden verpflichtet haben. Die geringen Anfangskosten für die Anreise nach Europa werden oft drastisch auf einen Preis zwischen 40.000 und 100.000 Dollar erhöht. Diese Praxis bringt die Opfer in eine Form der Schuldknechtschaft.[4]

Nigerianische Frauen, die gehandelt und in der EU zur Prostitution gezwungen werden, erleben ähnliche traumatische Erfahrungen wie Überlebende aus anderen Ländern. Es gibt jedoch ein besonderes Element des nigerianischen Sexhandels – die Verwendung von Juju-Ritualen als Instrument zur geistigen Versklavung ihrer Opfer. Diese Form der Kontrolle ist für die Strafverfolgung, NGO´s, und andere staatliche Akteure in Europa besonders schwierig zu navigieren, da die Kontrollfaktoren auf unbekannten Weltanschauungen und Praktiken basieren. Zu den häufigen Missverständnissen trägt vor allem die Sensationslust der europäischen Medien bei, die oft zu Karikaturen des Problems geführt hat.[5] Jede Arbeit, die darauf abzielt, nigerianischen Überlebenden von Menschenhandel im Integrationsprozess zu helfen, muss danach streben, diese nicht hilfreichen Stereotypen zu überwinden und auch anderen in Europa dabei zu helfen.

 

Was ist ein Juju-Ritual?

Das Konzept des Juju-Rituals innerhalb des Menschenhandels, insbesondere in Edo-State (dem häufigsten Herkunftsort nigerianischer Überlebender von Menschenhandel) praktiziert, existiert als Teil des Native Justice System. Der Begriff Native Justice beschreibt ein Rechtssystem, das auf dem Glauben basiert, dass bestimmte Gottheiten innerhalb der traditionellen Religion die Macht haben, zwischen zwei Parteien zu entscheiden. Dieses Rechtssystem wird bis heute für Straf- und Zivilsachen neben einer offiziellen Justiz (Gerichte, Polizei usw.) eingesetzt. Im Fall des Menschenhandels werden die Frauen in Form eines Versprechens vor einer bestimmten Gottheit dazu verpflichtet, der Madame die Reiseschulden zurückzuzahlen. Der Juju-Priester, ein Priester, der im Tempel einer bestimmten Gottheit dient, vollzieht einen rituellen Akt, um die Kraft der Gottheit zu nutzen und dadurch das Versprechen zu besiegeln. Somit funktioniert das Versprechen der Frauen als bedingter Selbstfluch. Die Erwartung ist, dass die Macht der Gottheit auf die Frauen freigesetzt wird (auf die vom Priester bestimmte Art und Weise), wenn sie sich nicht an das von ihnen gegebene Versprechen halten. Das Ritual selbst soll desorientieren, die Grenzen der Würde eines Menschen überschreiten und vor allem Angst schüren. Dieses Ritual beinhaltet das Sammeln von Gegenständen der Frau, das Schlachten eines Tieres und das feierliche Gelübde, die Schulden für den Transport nach Europa zurückzuzahlen. Vor allem aber müssen die Frauen schwören, dass sie mit niemandem über ihre Vereinbarungen mit der Madame sprechen werden.[6]

 

[1] Zitiert in Hepburn, Human Trafficking Around the World (2013)
[2] https://www.state.gov/reports/2019-trafficking-in-persons-report-2/nigeria/
[3] https://t.guardian.ng/news/602000-nigerians-migrated-to-europe-in-2016-says-un-ex-envoy/
[4] Hepburn, Human Trafficking Around the World (2013)
[5] Ikeora, ´The Role of African Traditional Religion and ´Juju´ in Human Trafficking: Implications for Anti-Trafficking´ (2016)
[6] Diagboya, ´Oath Taking in Edo´ (2019)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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